Reiseberichte aus dem Sanella-Album Mittel- und Südamerika

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Der Arriero ging die ganze Strecke zu Fuß. Einmal mußten wir alle zupacken: Zwei Maultiere machten schlapp und wollten nicht mehr weiter. Die Lasten wurden umgepackt und die Tiere mit Zureden und Gewalt wieder auf die Beine gebracht. Abends hielten wir bei einer Posada an. So heißen hier die einfachen "Gasthäuser", wo man übernachten kann. Ich habe mich gleich langgelegt. So müde war ich."

Überfall auf den Goldtransport

Ich war gerade eingeschlafen, als draußen wilder Lärm entstand. Wir fuhren hoch. Der Arriero zog die Machete. Im Schein eines kleinen Lämpchens, das den Raum nur mattbeleuchtete, sahen wir drei finstere Gestalten an der Tür. "Was wollt ihr?" fuhr sie unser Arriero an. "Habt ihr Pferde?" Die drei Kerle kamen näher. -Wozu braucht ihr Pferde, mitten in der Nacht?" fragte der Arriero. "Frag nicht lang, carajo! Los, komm mit auf die Weide, zeig uns deine Pferde. Es können auch Mulas sein. Los, auf die Weide!" In diesem Augenblick traten Fernandez und Onkel Tom vor, beide mit entsichertem Revolver. In der Dunkelheit des Raumes mochten die drei Räuber sie vorher gar nicht bemerkt haben. Einen Augenblick stutzten sie. "Carajo!" murmelte der eine zwischen den Zähnen - und schon waren alle drei wieder aus der Tür. Wir hinterher! Die Kerle suchten jetzt bestimmt nach den Mulas. Aber still, was ist das? - Pferdegetrappel, das schnell näher kommt.

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Jetzt kann es ernst werden, wenn die Banditen durch ihre Kumpane Verstärkung erhalten. Wir verdrücken uns in den dunklen Hausschatten. Die Straße ist vom Mond beleuchtet. Da, der erste Reiter, zwei weitere folgen. Der vorderste pariert sein Pferd. Soldaten! Gott sei Dank! - Kurze Begrüßung und Fragen. "Sind hier drei ,Caballeros' vorbeigekommen?" "Ja, dort hinauf sind sie!" Aber die Dunkelheit hatte sie längst verschlungen. Und auf der Straße blieben die bestimmt nicht. - Die Soldaten erzählten. Sie hatten zu fünft einen Goldtransport begleitet, als Bewachung. Während einer Rast hatten sie den Arriero mit den Mulas allein gelassen, um ein bißchen auf die Jagd zu gehen. Caramba, wer konnte ahnen, daß der Arriero inzwischen überfallen wurde.

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Wie sie zurückkamen, lag der Transportführer gefesselt am Boden. Drei Mulas fehlten samt ihren Traglasten. Nun, das weitere konnten wir selbst erraten. Zwei Soldaten waren beim Transport geblieben, die anderen hatten die Verfolgung aufgenommen. Zu Pferde waren sie schneller als die Räuber. Die hatten, als die Verfolger nahten, die Mulas stehengelassen und sich seitwärts in die Büsche geschlagen. Ja, vermutlich waren sie ihnen endgültig entwischt. Aber wer weiß, morgen früh sollte die Verfolgung fortgesetzt werden.

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